Von Glück und Selbstausbeutung

schwedtVon Eva von Schirach:

Kulturelle Bildung soll Kinder und Jugendliche inspirieren und Randgruppen Teilhabe ermöglichen. Geleistet wird diese Arbeit meistens von freien Honorarkräften. Armut und Selbstausbeutung sind gang und gäbe − doch die Basis wehrt sich.

„Ich hatte mal so ein Projekt mit den ganz harten Fällen in Schwedt. Da waren 15 Jugendliche, von denen sich irgendwie acht bei der Begrüßungsrunde als Adolf Hitler vorgestellt haben und die eine Konzentrationsspanne von zehn Sekunden hatten, danach flog die nächste Flasche oder der nächste Stuhl oder der Nächste bekam einen Nackenklatscher. Am Anfang!“

Rainer ist Ethnologe. Seit über 15 Jahren arbeitet er in der Kulturellen Bildung. Das heißt, er arbeitet mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht während des Unterrichts, sondern außerschulisch. Rainer ist kein Lehrer und kein Sozialpädagoge. Er vergibt keine Noten und muss keine Prüfungen abhalten. Rainer kommt als Impulsgeber von außen und wird nur projektbezogen eingesetzt. So entstehen Filme, Bücher, Radiobeiträge, Foto-Ausstellungen, Konzerte oder Theateraufführungen und vieles mehr. Die Kinder und Jugendlichen machen Kunst:

„Und das waren die ganz Harten. Am Ende sind wir mit denen auf Tournee gegangen. Filmfestival hier, Oberstufenzentrum da, Gymnasium da. Diese Kids, also diese echt harten Jungs, die saßen plötzlich ganz ruhig da und haben erzählt aus ihrem Leben vor Gymnasiasten. Und du denkst dir: ‚Hey, was ist mit denen passiert?!‘ Und das war unsere Arbeit. Jetzt mal Eigenlob!“

Rainer ist wie alle, die in der Kulturellen Bildung arbeiten, ein Glücksfall. Er liebt seine Arbeit, Projektideen hat er immer mehr als genug. Seine Leidenschaft steckt an. Und das ist das Beste an Menschen wie Rainer oder Sabine oder Yarik oder wie sie alle heißen mögen: Sie sind für die Institutionen, die ihre Leistung in Anspruch nehmen, nicht teuer. Öffentliche und private Förderprogramme sorgen dafür, dass außerschulische Bildung für die Teilnehmer immer kostenlos ist.

Auszug aus … Kulturelle Bildung – Von Glück und Selbstausbeutung (Deutschland Radio Kultur)

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