Artikel „Berührungen stiften“ aus der Zeitung neues deutschland vom 30.11.2013

Berührung stiften

Der Kunstverein Templin ist 20 und weit über die Region hinaus zu einer Institution geworden

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Mit schnellen Strichen von Hartmut Henschel gezeichnet: Rückenakt
Foto: Joachim Fieguth

Templin in der Uckermark. Drei Gründe, die Stadt zu besuchen: die Naturtherme, die Westernstadt, reiche Jagdgründe in den nahen Wäldern. Danach befragt, würde diese Auskunft die übergroße Mehrheit der Templiner erteilen. Ein paar hundert Leute wissen es besser. Sie leben in Polen, Italien, den Niederlanden, in Berlin, in den Dörfern der Umgebung. Weit vor die Touristenattraktionen setzen sie den Templiner Kunstverein.

Annäherung I. Die kleinen Geschäfte schließen gerade, novemberdunkel liegen die Straßen, als sich in der Kunstschule Vereinsmitglieder zum Aktzeichnen treffen. Unter ihnen Maler und Grafiker wie Wolfram Schubert, Hartmut Henschel, Bodo Neumüller, auch Verwaltungsangestellte und ehemalige Pädagogen. Einige wohnen in Templin, andere sind aus Klosterwalde, Kleinfredenwalde, Röddelin, Gransee oder Potzlow angereist. Einmal pro Woche leistet sich die kleine Runde ein Aktmodell, und nach ein paar Schlucken Rotwein werden die Staffeleien platziert. Zaghafte, achtsame, schnelle Striche mit Kohle, Kreide oder Bleistift. Kein Wort fällt mehr, höchste Konzentration. Nach zwanzig Minuten erst einmal Pause.

Während das Nacktmodell Anette sich in einen Bademantel hüllt und die erstarrten Glieder lockert, ist ein kurzes Gespräch möglich. Ja, Aktzeichnen erfordere Aufmerksamkeit. Mehr brauche nur die Porträtmalerei. Wer Porträt könne, der könne alles. Die Werbegrafikerin Evelyn Baer möchte das unterstrichen wissen. Sie ist mit ihrem Mann Klaus gekommen. Vor vielen Jahren schon hat es das Paar aus der Stadt aufs Land gezogen. Viele Kreative haben die Uckermark als späten Wohnsitz gewählt, nach der Wende auch solche aus den alten Ländern. Beim Aktzeichnen begegnet man letzteren nicht. »Sie sind verklemmter als wir Ossis«, sagt FKK-Anhänger Neumüller.

Annäherung II. Der Raum, in dem der Kurs stattfindet, erzählt etwas über den Verein. Ein paar stapelbare Stühle, in einer Ecke sauber abgedecktes Gerümpel. »Man kann hier gut malen«, sagt Wolfram Schubert. Der ehemalige Dozent der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ist mit 87 der Älteste. Was ihre Vereinsheimstatt betrifft, sind die Mitglieder bescheiden. Es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig. Zigmal schon mussten sie umziehen, hier ist die Miete noch erschwinglich. So haben sie ihre Kunstschule denn auch im zweiten Stock eines Hauses eingerichtet, das – dies ist schon von Weitem sichtbar – ein großes Fitnesscenter beherbergt. Die Kunstschule ist eine wichtige Säule der regen Vereinsarbeit. Zum einen will man sich weiterentwickeln, zum anderen hat man sich vorgenommen, Kinder von der Straße zu holen. Im Angebot sind Keramikkurse, Malkurse und Theaterspielen.

Kindern, so erfahren wir, gelte besondere Aufmerksamkeit. Jeden Sommer, Ende Juli, lade der Verein Mädchen und Jungen in ein Ferienlager nach Warthe ein. Rund drei Dutzend Kinder, deren Eltern nicht Mitglied im Verein sein müssen, verbrächten dort zwei spannende Wochen. Die stünden jedes Jahr unter einem anderen Thema, zum Beispiel drehe sich alles um Steinzeit, Friedensrituale, Mittelalter, vergessene Kulturen, Arche Noah, Lebensräume. Organisiert habe diese Lager bisher mit unglaublichem Aufwand der langjährige Vorsitzende Michael Heber, den wir leider nicht kennen lernen würden. Heber sei Kulturmanager und mit Beginn dieses Schuljahres als Kulturbeauftragter an die Deutsch-Portugiesische Schule in Lissabon berufen worden.

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Bodo Neumüller in seinem »Malerreich«
Foto: Joachim Fieguth

Mit »Lissabon« ist ein Stichwort gefallen, über internationale Beziehungen zu sprechen. Dass Templin die »Perle der Uckermark« ist, hätten Künstler des Vereins nach Italien, Polen, Portugal und in die Niederlande getragen. Aus vielen Begegnungen und gemeinsamer Arbeit seien feste Partnerschaften mit Vereinen und Institutionen entstanden, die über den künstlerischen Austausch hinausreichten. So habe man die Besonderheiten der Regionen vor Ort erlebt – für das Erkennen besonderer Werte im Europa der Regionen seien stets die Sensibilität und Kreativität der Künstler Ausgangspunkt. Während gemeinsamer Pleinairs und Grafiksymposien in der Uckermark, im Trentino, an der polnischen Ostseeküste, in Alkmaar oder in der Algarve habe man Wertvorstellungen hinterfragt, vor allem im Verhältnis des Menschen zur Natur. Und das Wichtigste: Man habe Freundschaften geschlossen. Sie trügen jetzt über 20 Jahre und bereicherten das Leben allgemein und ganz persönlich.

Als Annette den Bademantel abstreift, kehren alle flugs nach Templin zurück. Schließlich zahlt jeder pro Abend zehn Euro, und die Kurszeit will genutzt sein.

Annäherung III. Bodo Neumüller wohnt in der Straße, in der die Bundeskanzlerin ihre Kindheit und Jugend verbrachte. Unlängst ist er ihr auf dem Friedhof begegnet. »Morgen«, hat er knapp gegrüßt. »Morgen«, hat sie knapp erwidert. Mehr haben sie sich nicht zu sagen. Angela Merkel vertritt die Meinung, Leute wie Bodo Neumüller hätten zu DDR-Zeiten in »fremden Streitkräften« gedient. »Ich war doch kein Söldner«, sagt Neumüller. »Ich war bei der Volksmarine!«

1987 hat Fregattenkapitän Neumüller bei den Seestreitkräften der DDR seine Entlassung eingereicht, zwei Jahre später ging er in Templin vor Anker und begann sein freiberufliches Malerdasein. Von ’86 bis ’91 war er Gasthörer an der Hochschule für Kunst und Design in Halle auf Burg Giebichenstein in den Fächern Malerei und Grafik unter persönlicher Betreuung von Prof. Dieter Rex, Uwe Pfeiffer und Anne-Katrin Müller. 1993 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Templiner Kunstvereins. »Harte Zeiten«, erinnert er sich, »nicht nur für uns bildende Künstler ging es um die Existenz. Die war in der DDR über den Berufsverband gesichert: Für Kunst am Bau vergab er Aufträge. Damit war nach der Wende Schluss. Viele Kollegen, auch Berliner, die hier ihre Landsitze hatten, stießen damals zum Verein, weil sie hofften, über ihn Geld zu verdienen. Aber statt Kohle wartete Arbeit. Von denen sind wenige geblieben, andere füllten später die Lücke. 140 Mitglieder zählen wir heute.«

Als Vorstandsmitglied des Kunstvereins führt Neumüller nicht nur dessen Chronik, die die bisherigen 20 Jahre in zwei prächtige Bände gepackt hat, sondern kümmert sich auch ums Archiv. Sobald er uns aus seinem Haus hat, will er nach Rangsdorf zu Professor Ronald Paris, um ihn um eine Spende zu bitten. Nein, um Geld geht es dabei nicht. Worum Neumüller bitten will, ist eine Arbeit des Kollegen. Denn das Archiv, um das er sich kümmert, ist in Wahrheit eine Sammlung. Eine Sammlung von DDR-Grafik, die er für den Verein aufbaut. Neumüller, Jahrgang 1939, möchte seinem Kunstverein »etwas Bleibendes« hinterlassen. »DDR-Künstler sind in dem Alter, in dem sie sie sich über ihren Nachlass Gedanken machen«, glaubt er. »Was geschieht mit ihren Werken? Ich will einige bewahren.« 400 Blätter umfasst seine Sammlung schon, überlassen von Freunden und »Kollegen, die mal bei uns ausgestellt haben«. Er hat sie alle angeschrieben. Die Kontakte bewahrt er noch aus der Zeit, als er die Ausstellungen organisierte. 100 hat er auf die Beine gestellt, die ersten im historischen, seine letzten im Neuen Rathaus Templins.

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Konzentrierte Arbeit mit Modell
Foto: Joachim Fieguth

Natürlich nutzt auch Neumüller die Möglichkeiten des Vereins. Der leidenschaftliche Freilandmaler war schon zigmal zum Malen in Italien und hat gute Bilder mitgebracht. Das »Benzingeld« verdient er sich, indem er drei Mal in der Woche Frauen in Zehdenick unterrichtet und ab und zu ein Bild verkauft.

Annäherung IV. Nach Neumüllers 100. Streich als Galerist hat Vorstandsmitglied Matthias Schilling das Ausstellungswesen übernommen. Schilling seinerseits kann inzwischen auf 50 Schauen zurückblicken. Etwa so viele Templiner erscheinen zu jeder der Eröffnungen. Kulturelle Ereignisse in der Stadt, in der man, wie 2008 die Kunstwissenschaftlerin Petra Hornung bemerkte, noch auf anderes setzt als auf Mode und Trend. Während Kunstakademien und -institutionen »die Abwesenheit jeglicher Gestaltqualität« als ultimativen Wert proklamierten, schätze man in Templin eine Ästhethik, die das Hässliche nicht ausschließt, doch es ermöglicht, deren Formulierungen in die Seele aufzunehmen.

Das Zeichnenkönnen, geschult am Porträt – in Templin wird es gepflegt. Aber nicht zum Dogma erhoben. »Es gibt auch gute abstrakte Künstler«, sagt Schilling, der in den 80ern an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee studierte. So hat er sich sehr gefreut, die Farbreliefs des Neubrandenburgers Bernd Komnick zu präsentieren, farbige Quadrate, zur Fläche addiert. Kunst sei nicht, »wenn ich eine Kuh aus dem Hubschrauber schmeiße, sondern das, was Berührung stiftet, hilft, Dinge zu erfühlen und zu verstehen.« Erst vor wenigen Tagen hat Schilling die Ausstellung »Ziemlich grün. Landschaften und Jahreszeiten« mit Werken der bei Prenzlau lebenden Künstlerin Christina Pohl eröffnet. »Im Spiel mit wuchernder Ornamentik entwickelt die Künstlerin ein System von Alltagszeichen, die jeder lesen kann«, erklärt er. Er ist sich sicher, dass Pohls Bilder interessante Gesprächen auslösen. So sei es immer in Templin, besonders wenn Malschüler des Vereins ihre Arbeiten vorstellen. »Das ist immer auch mutig von ihnen. In die Öffentlichkeit zu gehen, kostet hier, wo jeder jeden kennt, schon ein bisschen Überwindung.«

Schilling selbst ist schon häufig ausgestellt worden, landauf, landab und außerhalb Deutschlands. Seine Landschaftsmalereien, Porträts, Akte, Grafiken, Aquarelle haben Liebhaber gefunden. Zuletzt hat man »Schillings« in Bochum bei Gölzenleuchter gezeigt, gegenwärtig sieht man welche in der KLEIN-ST-EN Galerie an der Elbe in Arneburg. Leben kann auch Schilling nicht von der Kunst. Er muss als Dozent dazuverdienen, und er unterrichtet Kinder. Das sei etwas Wunderbares, sagt er, ein Korn in den Boden zu legen.

Ein Korn in den Boden legen will der Verein auch im kommenden Jahr. Beim 8. Internationale Pleinair werden sich Künstler in Templin mit dem schlummernden Schatz der Stadt, dem Joachimthalschen Gymnasium, auseinandersetzen. Spuren der Geschichte werden sie finden, visionäre Arbeiten schaffen. Die könnten dazu beitragen, dass die bedeutende Anlage, seit 1996 ungenutzt, doch noch eine Zukunft hat.

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Kunsthaus Templin, Pressespiegel